Atomkraft und Yakuza: Eine kleine Einführung in das Feld der AKW-Arbeit

Atomkraft und Yakuza: Eine kleine Einführung in das Feld der AKW-Arbeit
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Published
Jan 19, 2017

Atomkraft und Yakuza: Eine kleine Einführung in das Feld der AKW-Arbeit

Gerade einmal 26 Jahre nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki und nur 17 Jahre nach der  „Atoms for Peace“-Rede des damaligen USA-Präsidenten Eisenhower vor der UNO-Vollversammlung[i] ging nach nur vier Jahren Bauzeit am 26. März 1971 der Reaktor 1 des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi als 5. Reaktor in Japan überhaupt ans kommerzielle Stromnetz. Trotz einiger Probleme liefen die bis 2011 auf sechs Reaktoren erweiterten Anlagen in den Gemeinden Ōkuma und Futaba bis zur Dreifachkatastrophe im März 2011. Die durch das Erdbeben und den anschließenden Tsunami von bis zu 30 Metern Höhe verursachten Explosionen der Reaktoren 1, 3 und 4, die, wäre es nach dem Willen der Betreiberfirma Tōkyō Electric Power Company (TEPCO) gegangen, noch für mehrjährige Laufzeiten vorgesehen waren, führten zu einer großflächigen Kontamination weiter Landstriche mit radioaktiven Substanzen und als Folge dessen zur Zwangsevakuierung von mehr als 300.000 Einwohnern.

Die vier Siedewasserreaktoren des AKW Fukushima Daiichi sind seitdem Schauplatz von Schadensbegrenzungsmaßnahmen bisher unbekannten Ausmaßes. Dabei changieren die Begrifflichkeiten für diese Arbeiten je nach Zeitpunkt zwischen shūsoku sagyō und hairō sagyō. Verweist der erste Begriff auf die zum Teil chaotischen Zustände der ersten Wochen und Monate, in denen es sich TEPCO zur Aufgabe gemacht hatte, sich einen Überblick zu verschaffen, so viel wie möglich zu dekontaminieren und Vorbereitungen für eine weitestgehend „normale“ Baustelle zu treffen, so fand der Begriff hairō sagyō erst in jüngster Zeit Eingang in den Diskurs. Er soll suggerieren, dass die Situation weitestgehend unter Kontrolle ist und der Betreiber einen Plan dafür hat, wie man die Reaktoren bis zur grünen Wiese rückbauen kann. Er leugnet jedoch nicht, dass man auch zum jetzigen Zeitpunkt, sechs Jahre nach der Katastrophe, nicht weiß, was mit den höchstwahrscheinlich geschmolzenen Brennstäben geschehen soll, geschweige denn wie sie zu bergen sind. Selbst ein geordneter Rückbau der Anlagen wird mindestens 30 bis 40 Jahre in Anspruch nehmen[ii].

Die grundlegende Frage aber, nämlich die danach, wer die Aufräumarbeiten und später den „geordneten“ Rückbau tatsächlich bewerkstelligt, beschäftigte nach der Dreifachkatastrophe[iii] viele Journalisten, Gewerkschaftler, Aktivisten, Politiker, aber auch die AKW-Arbeiter selbst. Aus der Perspektive der westlich-sprachigen, wissenschaftlichen Auseinandersetzungen ist jedoch zu konstatieren, dass das Arbeitsfeld als solches bisher eher unzureichend ausgeleuchtet wurde. Auch bezüglich der Frage, welche Rolle die Yakuza in diesem Gewerbe einnimmt, gibt es selbst in japanisch-sprachigen Quellen nur wenig Hinweise. Dass die Yakuza jedoch schon seit Beginn des Baus der Atommeiler und dann später auch in die Wartungs- und Reparaturarbeiten in der ein oder anderen Art und Weise involviert war und dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle einnahm, und sich dies darüber hinaus auch nach der Dreifachkatastrophe zunächst nicht gravierend änderte, ist jedoch bisher wenig dokumentiert. Im Folgenden soll deshalb zunächst in die Situation der AKW-Arbeiter und in die Beschäftigungsstrukturen im AKW-Gewerbe eingeführt werden. Anschließend gilt es ausgewählte Zugänge zum Feld der AKW-Arbeit vorzustellen, bevor abschließend auf die Beziehung der Yakuza zum Feld der AKW-Arbeit anhand der Undercover-Reportage „Inside Fukushima: Eine Reportage aus dem Inneren der Katastrophe“ von Suzuki Tomohiko eingegangen werden soll. Letzteren, einen für seine Spezialkenntnisse über die japanische Mafia – die Yakuza – be- und anerkannten Journalisten, interessierte vor allem der Zusammenhang zwischen dem Gewerbe der Atomindustrie und eben jener Welt der Yakuza.

Die Arbeitssituation in 1F

In den chaotischen Tagen nach der Dreifachkatastrophe war es, wie auch bei anderen Katastrophen zuvor, die Yakuza, die schnell und unkompliziert Hilfe in die betroffenen Gebiete brachte, dort die Menschen oft mit dem Nötigsten versorgte und so dazu beitrug, das Versagen der langsam mahlenden Mühlen der Bürokratie zu beheben. Doch neben Waren und direkter Hilfe brachte die Yakuza auch ein drittes, dringend benötigtes Gut mit in die von der Katastrophe betroffene Region: günstige, manchmal nichtsahnende und unwissende, aber auf jeden Fall willige Arbeitskräfte. Diese waren notwendig, da die arbeitende Bevölkerung durch die vom Beben und dem anschließenden Tsunami verursachten Zerstörungen und die nachfolgenden Evakuierungsmaßnahmen, aber auch aus Furcht vor der ausgetretenen Strahlung teils nicht mehr fähig und/oder willens waren, ihrer Tätigkeit in 1F nachzugehen.

Dabei war schon wenige Tage nach der Katastrophe eines sicher: ausreichend Arbeit wird es noch für Jahrzehnte geben. Und zwar nicht nur Arbeit für Facharbeiter, sondern ganz besonders jene, die von Ungelernten, Tagelöhnern und niedrigqualifizierten Arbeitern geleistet werden kann und muss. Kurz nach der Katastrophe waren es vor allem Letztere, die dafür sorgten, dass der radioaktive Schutt der Explosionen beseitigt und somit die Baustelle wieder begehbar wurde. Heute – knapp sechs Jahre nach der Katastrophe – arbeiten fast alle Arbeiter auf dem Gelände von 1F ohne besondere Strahlenschutzanzüge. Auch hat sich die Qualität der Arbeit gewandelt. Diejenigen, die neben den vielen Spezialisten zu Beginn vermeintlich einfache Tätigkeiten wie Dekontamination und Trümmerbeseitigung verrichteten, arbeiten heute vorranging als Dekontaminationsarbeiter außerhalb des Geländes innerhalb der 20 km‑Sperrzone bzw. in den noch nicht wieder freigemessenen Regionen. Heute ist die Arbeit innerhalb des havarierten AKW weit mehr von Facharbeitern und Spezialisten als von niedrigqualifizierten Einfacharbeitern geprägt. Doch ist ein AKW eben keine gewöhnliche Baustelle. Neben der Arbeitsleistung zählt dort auch immer die aufgenommene Strahlendosis. Im Strahlenpass (hōshasen kanri techō), der einem Sparkassen-Sparbuch alter Tage ähnelt, wird die täglich gemessene und im Jahr mit einer Höchstgrenze versehene Strahlendosis festgehalten. Die gesetzlichen Bestimmungen regeln, dass ein Arbeiter[iv]innerhalb von fünf Jahren einer maximale Dosis von 100 mSv ausgesetzt werden darf. Weiterhin besteht die Regel, dass die maximale Jahreshöchstdosis 50 mSv beträgt. In der Realität bedeutet das jedoch, dass die meisten Arbeiter vor, wie auch nach der Katastrophe nicht mehr als 20 mSv an Radioaktivität „schlucken“[v] dürfen. Übersteigen die akkumulierten Werte im Verlaufe eines Fiskaljahres (1. April bis 31. März) diesen Wert von 20 mSv, werden die meisten Arbeiter entlassen oder aber, wenn sie Glück haben, in nicht-kontaminierte Arbeitsstätten wie Kohlekraftwerke oder ähnliche Anlagen versetzt[vi]. Bereits vier Tage nach der Katastrophe, am 15. März 2011, erließ die japanische Regierung jedoch eine Sonderregelung, der es TEPCO und auch allen anderen Arbeitgebern erlaubte, Arbeiter bis zu 250 mSv im Jahr „schlucken“ zu lassen. Diese Regelung galt bis zur Rede des damalige Premierministers Noda Yoshihiko am 16. Dezember 2011, als er die Kaltabschaltung für 1F verkündete und sich bei der japanischen Bevölkerung, aber auch bei der Weltbevölkerung dafür entschuldigte, ihnen Sorgen bereitet zu haben, was nun jedoch nicht mehr nötig sei[vii].

 Problematisch sind diese Regelungen aus zweierlei Gründen. Erstens deshalb, weil eine Überschreitung der Höchstdosis für den einzelnen Arbeiter bedeuten kann, dass er im Zweifel seinen Job und somit manchmal gar seine Bleibe verliert, da er keine andere Unterkunft als die von der Firma gestellte hat. Zweitens bedeuten diese Regeln, dass für den Fortbestand des AKW-Gewerbes, aber auch für den reibungslosen Ablauf der Arbeiten am Unfallort selbst, eine Armada von „Nicht-Spezialisten“ notwendig ist, die bereit ist, einfache Arbeiten unter der Anleitung von Spezialisten auszuführen, und sich gleichzeitig der ständigen Kontaminationsgefahr aussetzt, um somit die Arbeitsplätze der Ingenieure und anderer Facharbeiter zu schützen.

Dies wird unteranderem durch eine hierarchisch organisierte Subunternehmensstruktur unterstützt. Zu betonen ist, dass sie zum einen nicht spezifisch für die Atomindustrie ist, sondern in vielen anderen Bereichen, wie z.B. der Automobilindustrie oder auch der verarbeitenden Lebensmittelindustrie, so oder so ähnlich vorzufinden ist. Zum anderen darf nicht unerwähnt bleiben, dass diese Struktur hier zwar am Beispiel Japans vorgestellt wird, sie aber keineswegs japanspezifisch ist, sondern in ähnlicher Weise wohl in den meisten anderen atomstromproduzierenden Nationen nachzuweisen sein dürfte.[viii] Die Subunternehmensstruktur (shitauke kōzō), die aufgrund ihrer breiten Basis passender als Subunternehmenspyramide bezeichnet werden müsste, ist ein in allen Atomkraftwerken Japans vorzufindendes Geflecht aus Auftragsgebern, Direktvertragsnehmern und zahlreichen Subunternehmen. Über Jahrzehnte gewachsen, ist sie bis auf wenige Untersuchungen durch Anti-AKW-Aktivisten, vereinzelte Wissenschaftler und vor allem durch den Fotografen Higuchi Kenji, in weiten Teilen der japanischen Gesellschaft und selbst innerhalb der Gewerkschaftsbewegung kaum thematisiert worden. So äußerte der unter dem Pseudonym „Nasubi“ aktive Gewerkschafter und Vorkämpfer für die Obdachlosenbewegung in einem Interview im Sommer 2016[ix], dass auch er sich nach Fukushima erst in das Feld der AKW-Arbeit einarbeiten musste, da diese Problematik weder von den Tagelöhnern noch von den Gewerkschaftern selbst thematisiert worden war – und das, obwohl Nasubi seit 1985 im bekannten Obdachlosenviertel Tōkyōs San’ya gewerkschaftlich aktiv war, aus dem nachgewiesener Weise viele AKW-Arbeiter rekrutiert wurden.

Die von Watanabe Hiroyuki, einem Stadtratsabgeordneten der Stadt Iwaki, am Beispiel von 1F erarbeitete und hier zitierte Darstellung (vgl. Abb. 1) dieser Subunternehmensstruktur verdeutlicht dreierlei. Erstens veranschaulicht sie den von TEPCO offiziell anerkannten Teil der im AKW tätigen Firmen. An der Spitze dieser Auftragspyramide steht der Stromkonzern TEPCO selbst. „Offiziell anerkennt“ bedeutet in diesem Zusammenhang, dass TEPCO diese Firmen als Vertragspartner betrachtet und im Zweifel auch Verantwortung für etwaige Missstände übernehmen könnte. In diesem oberen Bereich der Pyramide gibt es wiederum Unterebenen. Direkt unter TEPCO stehen die sogenannten Direktvertragsnehmer (moto-uke gyōsha). Dazu gehören Tōkyō KōgyōTōkyō Energy & Systems und TEPCO Environmental Engineering[x]. Sie sind einhundertprozentige Tochterfirmen von TEPCO. Ebenfalls zu dieser Ebene gehören die Kraftwerkshersteller TōshibaHitachiGeneral Electrics sowie die Firma Ishikawajima-Harima Heavy Industries (IHI). Hinzu kommen die landesweit agierenden Bauunternehmen (zenekon). Unter jede dieser Firmen gliedern sich dann jeweils mehrere Firmen im 1. Subfirmengrad – die sogenannten permanenten Subfirmen (jōchū shitauke gaisha). Diese arbeiten dann wiederum mit Subfirmen der zweiten und dritten Ebene zusammen. Hauptmerkmal der permanenten Subfirmen ist, dass sie ihren Firmensitz meist in Tōkyō haben, während die Subfirmen des zweiten und dritten Grades lokalansässige Firmen sind. Dieser aus circa 500 Firmen[xi]bestehende Teil der Firmenpyramide wird, wie Watanabe in Gesprächen mit Gewerkschaftlern und Arbeitern nach der Katastrophe zeigen konnte, um einen zweiten, von TEPCO nicht offiziell anerkannten Teil von Firmen ergänzt.

Aus der nicht näher quantifizierbaren Zahl der im unteren Bereich angesiedelten Firmen stammt ein Großteil der Arbeiter. Tatsächlich jedoch sind diese Firmen nur die Arbeitgeber. Tatsächlich arbeiten diese Arbeiter nämlich für die Firmen der oberen Hierarchieebenen. Dabei nutzen die Unternehmer der von TEPCO nicht anerkannten Firmen die rechtlich legalen Wege der Leiharbeit und der Werkvertragsarbeit und vermitteln Arbeitnehmer an die Firmen des oberen Bereiches. Problematisch aus Sicht der Arbeiter ist dieses Vorgehen, da immer wieder von Fällen der multiplen Arbeitnehmerüberlassung (tajū haken), bei der Arbeiter über mehrere Ebenen, d.h. durch mehrere Firmen weitervermittelt werden, oder der Scheinwerkvertragsarbeit (gisōukeoi), bei der Arbeitnehmer als Werkvertragsarbeiter entsandt, eigentlich aber wie Leiharbeiter behandelt und bezahlt[xii]werden, berichtet wird. Wie oftmals bemängelt, gibt es Firmen, die sich lediglich auf das Weitervermitteln von Arbeitnehmern spezialisiert haben und ihren Gewinn einzig von den Löhnen der Arbeitnehmer abzweigen (chūkan sakushu, wörtlich: Ausbeutung durch Zwischenhändler; oder wie es die Arbeiter nennen: pinhane sareru – Prozente abgezogen bekommen), ohne eine äquivalente Gegenleistung erbringen zu müssen.


Ein dritter Aspekt, den Watanabe in seiner Grafik veranschaulicht, betrifft die Bezahlung der AKW-Arbeiter. Wie auf der rechten Seite deutlich wird, ist die Höhe des tatsächlich beim Arbeiter ankommenden Lohns davon abhängig, auf welcher Ebene der Pyramide er seinen Arbeitsvertrag geschlossen hat. Unbedeutend hingegen ist, für welche Firma der Arbeiter tatsächlich eventuell auf einer höheren Ebene arbeitet. Selbst wenn Arbeiter also von Tätigkeiten in einem Subunternehmen von Hitachi berichten, kann anhand ihrer tatsächlichen Lohnhöhe in Ansätzen darauf Rückschluss gezogen werden, in welcher Ebene der Hierarchie er tatsächlich angestellt.

Abb. 1: Firmenpyramide nach Watanabe Hiroyuki (Abgeordneter im Stadtparlament Iwaki für die Kommunistische Partei Japans (KPJ))	Quelle: Watanabe 2011 Übersetzung vom Verf.
Abb. 1: Firmenpyramide nach Watanabe Hiroyuki (Abgeordneter im Stadtparlament Iwaki für die Kommunistische Partei Japans (KPJ)) Quelle: Watanabe 2011 Übersetzung vom Verf.

Verlässliche Zahlen darüber, wie viele Arbeiter tatsächlich auf welcher Ebene der Pyramide in welchem Arbeitsfeld tätig sind, liegen trotz umfangreicher Statistiken nicht vor. Allein in 1F arbeiteten aber im Zeitraum seit der Katastrophe bis Oktober 2015 44 581 Arbeiter (Tōkyō Shinbun 2015). Zieht man in Betracht, dass täglich zwischen 6500 und 7000 Arbeiter (Kainuma 2016: 161ff.) allein auf dem Kraftwerksgelände tätig sind, und fügt hinzu, dass im Jahr 2014 insgesamt 1688 TEPCO-Angestellte und Direktvertragsnehmerangestellte und 19 042 Subunternehmensarbeiter auf dem Gelände tätig waren, so wird deutlich, wie hoch die Fluktuation der Arbeitskräfte ist (CNIC 2015).[xiii]

Die starke Diskrepanz zwischen der Zahl der Nicht-Festangestellten, also der Arbeiter der Sub(subsub)firmen, und den der festangestellten TEPCO-Arbeiter verdeutlicht auch ein Blick auf folgende vom ehemaligen AKW-Arbeiter und Journalisten Horie Kunio erstellte Grafik[xiv].

Grafik 1: Veränderungen der Strahlendosis bei den Beschäftigten in radioaktivem Arbeitsumfeld, sowie Darstellung der Anzahl der Atomreaktoren (jeweils 1970 – 2008)	Anmerkung: Personensievert (engl.: man-sievert) bezeichnet die von allen Arbeitern einer Gruppe in einem Fiskaljahr zusammengerechnete Strahlendosis. Die Werte der Jahrgänge 1970 bis 1988 wurden von REM in Sievert umgerechnet. Quelle: Horie (2011: 359ff.)
Grafik 1: Veränderungen der Strahlendosis bei den Beschäftigten in radioaktivem Arbeitsumfeld, sowie Darstellung der Anzahl der Atomreaktoren (jeweils 1970 – 2008) Anmerkung: Personensievert (engl.: man-sievert) bezeichnet die von allen Arbeitern einer Gruppe in einem Fiskaljahr zusammengerechnete Strahlendosis. Die Werte der Jahrgänge 1970 bis 1988 wurden von REM in Sievert umgerechnet. Quelle: Horie (2011: 359ff.)

Diese Ungleichverteilung der Zahl der Arbeitskräfte, aber auch die der Kontamination änderte sich auch nach der Dreifachkatastrophe nicht. Dies verdeutlicht die Grafik des Citizens‘ Nuclear Information Center (CNIC).

Grafik 2: Darstellung der Gesamtkontamination der Arbeiter im AKW Fukushima Daiichi von Dez. 2011 bis März 2014	Quelle: Watanabe 2014
Grafik 2: Darstellung der Gesamtkontamination der Arbeiter im AKW Fukushima Daiichi von Dez. 2011 bis März 2014 Quelle: Watanabe 2014

Geht man nun wiederum davon aus, dass neben Schutzgelderpressung, Glücksspiel und Prostitution eines der geschäftlichen Standbeine der Yakuza im Feld der AKW-Arbeit maßgeblich darin besteht, Arbeiter anzuwerben und sie dann gegen eine „Bearbeitungsgebühr“ an andere Firmen zu verleihen, wird klar, dass der Yakuza bei der enormen Anzahl von Leiharbeitern in 1F viele Möglichkeiten der „Beteiligung“ geboten werden. Doch dazu später mehr.

Zugänge zum Feld

Die Feld der AKW-Arbeit ist, wie bereits, sowohl in Japan aber vor allem in den westlichen atomstromproduzierenden Gesellschaften minoritär und bisher nur ansatzweise zusammenhängend betrachtet worden. Einige Akteure, die sich – teils schon seit Jahrzehnten – mit dem Thema dennoch aus ganz unterschiedlichen Perspektiven und mit teils sehr disparaten Zugängen auseinandergesetzt haben, gilt es nun anhand weniger Beispiele vorzustellen. Eingegangen werden soll auf drei Zugänge. Zum einen die Betrachtungen ehemaliger AKW-Arbeiter, zweitens die Arbeit des Fotografen und Aktivisten Higuchi Kenji und schlussendlich die Auseinandersetzung mit dem Thema durch ausgewählte WissenschaftlerInnen.

Horie Kunio beschrieb in seinem Buch Genpatsu jipushī (AKW-Zigeuner) bereits 1979 als einer der ersten ganz offen die Situation der Arbeiter. Er hatte von September 1978 bis April 1979 in den AKW Mihama, Fukushima Daiichi und Tsuruga als Arbeiter einer Subfirma gearbeitet und seine Erfahrungen zunächst in Form eines Tagebuchs festgehalten und später als Buch publiziert. In den Ausgaben des Fotojournals Asahi Gurafu vom 26. Oktober 1979 und vom 2. November 1979 wurden Teile dieses Buches, illustriert mit Bildern des berühmten Manga-Zeichners Mizuki Shigeru, unter dem Titel Paipu no mori no hōrōsha (Rohrwaldnomaden) veröffentlicht. Am 30. August 2011, also nur wenige Monate nach der Katastrophe, erfuhren diese Zeichnungen, ergänzt und unter dem Titel Fukushima genpatsu no yami – genpatsu shitauke rōdōsha no genjitsu (Die dunkle Seite des AKW Fukushima – Die Realität der AKW-Subunternehmensarbeiter), eine Neuauflage. Eine überarbeitete Taschenbuch-Version der AKW-Zigeuner erschien 1984 unter dem Titel Genpatsu rōdōki (Tagebuch der AKW-Arbeit), die zwei Monate nach der Dreifachkatastrophe erneut aufgelegt wurde. Wenige Wochen danach erschien dann auch eine Neuauflage von Genpatsu jipushī mit dem Untertitel Hibaku shitauke rōdōsha no kiroku (Aufzeichnungen eines kontaminierten Subarbeiters).

Kawakami Takeshi zog wie Horie Kunio über Jahre als AKW-Subunternehmensarbeiter von AKW zu AKW.[xv] In seinen Dreißigern arbeitete er fast 10 Jahre in verschiedenen AKW in ganz Japan im Rahmen der gesetzlich vorgeschrieben und turnusmäßig alle 13 Monate stattfindenden Wartungs- und Reparaturphasen. Sich selbst bezeichnet er als "AKW-Nomaden" (genpatsu jipushī) und bezieht sich damit direkt auf Horie. Später arbeitete er vom 10. August 2003 bis zum 6. September 2008 als "ordentlicher" – sprich festangestellter und regelmäßig eingesetzter – AKW-Arbeiter im AKW Hamaoka. Dieses AKW wiederum sorgte bereits mehrfach aufgrund von meldepflichtigen Vorfällen in den Jahren 2001 und 2005 für Aufsehen. Und trotz der Tatsache, dass es (einst) zu den leistungsfähigsten Kernkraftwerken in ganz Japan zählte, beschloss die japanische Regierung eben dieses AKW am 5. Mai 2011 und somit nur wenige Wochen nach der Dreifachkatastrophe aufgrund von Sicherheitsbedenken, aber auch ob der Tatsache, dass in der Nähe des AKW gleich drei tektonische Platten gegeneinander wirken, vom Netz zu nehmen und stillzulegen. Diese Erfahrungen und all sein akkumuliertes Wissen jahrelanger Arbeit in Atomkraftwerken schrieb er in seinem 2011 veröffentlichten Buch Genpatsu hōrōki (Aufzeichnungen eines AKW-Vagabunden) nieder. Kawakami – heute ein radikaler Gegner der Atomenergie – lebt auch heute noch in Omaezaki, also jener Stadt, zu der seit der Eingemeindung 2004 das 200 km südlich von Tōkyō und 160 km nördlich von Nagoya gelegene AKW Hamaoka gehört.

Der nach eigener Aussage weltweit erste Fotograf, der die Arbeitsumstände der AKW-Arbeiter fotografisch festhielt, war Higuchi Kenji. Neben seiner Tätigkeit als Dozent für Fotografie hatte seine freiberufliche Arbeit mindestens zwei weitere Foki. Zum einen beschäftigte er sich über Jahrzehnte mit Problemen industrieller Umweltzerstörung und deren Folgen für die lokale Bevölkerung. Zum anderen widmete er sich z.B. auch jenen Menschen, die in den nachkriegszeitlichen Jahren ökonomischen Hochwachstums in Vergessenheit zu geraten schienen, da sie doch allzu sehr an die Gräuel des Zweiten Weltkrieges erinnerten. Higuchi fotografiere und dokumentierte die Nachwirkungen der Giftgasproduktion auf der vor Hiroshima gelegenen Insel Ōkunoshima, auf der von 1929 bis 1945 Giftgas für den Zweiten Weltkrieg produziert wurde.

Wie aus den oben zitierten Statistiken ersichtlich wird, stieg die Zahl der AKW-Arbeiter Ende der 1970er Jahre dramatisch, sodass die steigende Zahl der Publikationen zum Thema AKW-Arbeit, die die schlechten Arbeitsbedingungen und die zunehmende Unzufriedenheit auch auf Seiten der Gewerkschaften[xvi] in den Blick nahmen, nur als konsequente Folge dieser Entwicklung zu sehen ist. Higuchi veröffentlichte 1979 den Fotoband Foto dokyumento genpatsu (Fotodokumentation AKW). 27 Jahre später publizierte er Genpatsu 1973 – 1995 (AKW 1973 – 1995), und als Reaktion auf die Dreifachkatastrophe im August 2011 gab er einen weiteren Fotoband heraus, den er mit Genpatsu hōkai (Der Niedergang der AKW) betitelte. Das Citizens' Nuclear Information Center (CNIC, jap. Genshiryoku shiryō jōhō shitsu) überschrieb seine Ausgabe der NUKE INFO TŌKYŌ bereits im November/ Dezember 2001 anlässlich der Preisverleihung des Nuclear-Free Future Award an Higuchi [xvii] mit: "Higuchi Kenji: The Most Intriguing Photographer You'll Ever Meet"[xviii]. Neben diesen Publikationen schrieb Higuchi unzählige Aufsätze in ganz unterschiedlichen Journalen: in Gewerkschaftszeitungen, wissenschaftlichen Journalen, aber auch in „Zeitschriften, die die AKW-Arbeiter auch selbst lesen“, womit er – in einem Interview mit dem Autor verschmitzt lächelnd – auf das Journal  Mr. Dandy anspielte, das sonst eher mit nackter Haut und reißerischen Skandalgeschichten aufwartet.

Waren die Erfahrungen und das Wissen Higuchis bis zur Dreifachkatastrophe trotz zahlreicher Publikationen nur wenigen Interessierten und Aktivisten bekannt, so wurde er danach zu einem gefragten Referenten. Nur wenige Wochen nach der Dreifachkatastrophe hielt Higuchi am 3. Mai 2011 einen vielbeachteten Vortrag in der All Freeters Union (Furītā zenpan rōdō kumiai) in Tōkyō. Diese Gewerkschaft setzt sich laut ihrem eigenen Blogeintrag vom 14. Juni 2006 für den Schutz der Rechte von „Teilzeitarbeitnehmern, Minijobbern, Tagelöhnern und ausländischen Arbeitskräften“[xix], aber auch für die Schaffung eines breiteren gesellschaftlichen Problembewusstseins bezüglich der Missstände im Niedriglohnsektor ein. Neben der Darlegung seines jahrzehntelang akkumulierten Wissens über die Arbeit in den japanischen Atomkraftwerken sprach Higuchi auch über die zu diesem Zeitpunkt in den Medien „Fukushima 50“. Der Begriff der „Fukushima 50“ meint dabei jene Arbeiter, die nach der Anfrage TEPCOs an die japanische Regierung, alle Arbeiter aus dem AKW abziehen zu dürfen, zurückblieben bzw. zurückbleiben mussten, und sich somit erheblichen gesundheitlichen Gefahren aussetzten.[xx]

Ein dritter Zugang, der sich mit der Problematik der AKW-Arbeit auseinandersetzte, ist der der Wissenschaft. Neben den Arbeiten des Professors für Strahlenschutz und Friedenswissenschaften, Anzai Ikurō (1989 [1979]; 1981; 1983; sowie Shibano 1983a; Shibano 1983b;), und des Aktivisten, Bürgerwissenschaftlers (shimin kagakusha) und Begründers sowie langjährigen Leiters des bereits erwähnten CNIC, Takagi Jinzaburō, gehört die SoziologinTakaki Kazumi (1988, 1989)[xxi] zu den Ersten, die sich des Themas der AKW-Arbeit annahm und es mit wissenschaftlichen Methoden untersuchte. In den wenigen von ihr publizierten Schriften aus den End-1980er Jahren setzt sie sich, nach intensiver Feldforschung in der Region der Wakasa-Bucht, nicht nur mit den Umständen auseinander, die dem Bau der AKW in dieser Region zuträglich waren. Sie beschreibt darüber hinaus die Arbeitsumstände der AKW-Arbeiter, analysiert die Lebensumstände der von ihr interviewten Arbeiter, sowie die historisch gewachsenen Strukturen, die diese Systeme der Arbeitsbeschaffung für die umliegenden  AKW Ōi, Takahama, Mihama und Tsuruga[xxii] unterstützen und sie stets mit „frischen“ – sprich unverstrahlten – Arbeitern versorgten.

Betrachtet man diese unterschiedlichen Zugänge zum Feld der AKW-Arbeit, so fällt auf, dass die Zahl der Publikationen vor dem Super-GAU in Fukushima Daiichi nur sehr gering war, und das Thema in der öffentlichen, einschließlich der wissenschaftlichen Wahrnehmung ein marginales Dasein fristete. Darüber hinaus war und ist es möglich, die Auseinandersetzungen mit diesem Arbeitsfeld stets einem von zwei Lagern zuordnen. Die eine Seite setzte sich stets kritisch mit dem Thema der AKW-Arbeit auseinander und unterstützte somit die Anliegen der Anti-AKW-Bewegung. Die andere Seite zeichnete ein vermeintlich harmonischeres Bild, in dem die Rechte der Arbeiter geschützt, die gesundheitliche Unversehrtheit gewährleistet und die Arbeits- und Vertragsbedingungen rechtlich gewahrt sind, und unterstützen somit die Argumentation des Pro-AKW-Diskurses[xxiii]. Keine der beiden Seiten ließ sich jedoch darauf ein, die Verflechtungen der Atomindustrie mit der Yakuza eingehender zu untersuchen bzw. vorhandenes Wissen öffentlich zu machen. Eines der wenigen Beispiele, das diesen Missstand öffentlich anprangerte war der Historiker Tanaka Yuki. Basierend auf einem Text von 1986 schrieb er 1997:

“Yakuza (Japanese Mafia) syndicates operate some of the subcontracting companies, and when this happens the subcontracted workers are even further exploited. Every hundred days[xxiv] or so nuclear power plants need thousands of extra workers for their regular inspections, and the yakuza are especially involved in recruiting these extra workers. The yakuza syndicates sometimes use intimidation to get enough workers to fill the quotas, and they finance themselves not only through the percentages they make from the workers’ wages, but also through loans and drug sales to workers.” (Tanaka 1997: 253ff.)

Eingehender hat sich hingegen der Spezialist für die Yakuza und jahrelange Yakuza-Journalist Suzuki Tomohiko mit den Verflechtungen dieser zum AKW-Gewerbe auseinandergesetzt. Sein Buch Genpatsu to Yakuza: Fukushima Daiichi Sen’nyūki (Suzuki 2011) erschien auch in deutscher Übersetzung unter dem Titel Inside Fukushima: Eine Reportage aus dem Inneren der Katastrophe (Suzuki 2017). Es bietet einen tiefen Einblick in die Anstrengungen die es bedurfte, sich über diesen Zugang dem Feld zu nähern und zeigt, wie tief die organisierte Kriminalität in die Atomindustrie verwoben ist.

Suzuki Tomohiko und die Yakuza

Mit seinem Wissen über die Yakuza, aber auch mit seinen Erfahrungen als Undercover-Journalist ausgestattet, versuchte Suzuki Tomohiko kurz nach der Katastrophe in 1F als Arbeiter anzuheuern. Geboren 1966 auf Hokkaidō, arbeitete er nach seinem Studium bei verschiedenen Zeitschriften und als Werbefotograf. Später schrieb er für die Yakuza-Fachzeitschrift Jitsuwa Jidai (Zeit für wahre Geschichten). Seitdem er die Herausgeberschaft der inzwischen eingestellten Schwesternzeitschrift Jitsuwa Jidai BULL abgab, ist er als freiberuflicher Autor und Reporter tätig. Außer dem nun übersetzten Buch publizierte Suzuki Titel wie Gokudō no ura chishiki (Hintergrundwissen der Lasterhaftigkeit [2008]); Waga ikka zen’in shikei (Todesstrafe für unsere gesamte Familie [2010]) oder auch Sennyū rupo: yakuza no shūraba (Enthüllungsbericht: Die Schlachtfelder der Yakuza [2010]). Nach der Dreifachkatastrophe veröffentlichte er die Titel Yakuza 1000-nin to aimashita (Ich habe 1000 Yakuza getroffen [2011]), Yakuza 500-nin to meshi o kuimashita(Ich habe mit 500 Yakuza gegessen [2013]) oder auch Unagi mitsuryō (Aalschwarzfang [2015]). Angetrieben von journalistischer Neugier gehörte er zu den Ersten, die sich nach der Dreifachkatastrophe aufmachten, die Lage am Unfallort direkt zu erkunden. Noch bevor die 20 km-Sperrzone eingerichtet worden war, fuhr er zur Recherche bis an 1F heran und tätigte erste Aufnahmen. Immer die Frage im Hinterkopf, wie die Yakuza auf diesen gesellschaftlichen Ausnahmezustand reagieren würde, reiste er durch ganz Japan, um nach Antworten zu suchen.

In dem im März 2013 vorgelegten Bericht der japanischen Polizeibehörde für das Jahr 2012[xxv] sind insgesamt 21 landesweit agierende kriminelle, offiziell gelisteten Syndikate (shitei bōryokudan[xxvi]) aufgelistet. Zusätzlich zu diesen stark durch die Behörden kontrollierten und überwachten Vereinigungen existieren noch etliche weitere nicht gesondert beobachtete kriminelle Vereinigungen (hi-shitei bōryokudan). Das bei weitem größte gelistete Syndikat ist die Yamaguchi-gumi mit 13.100 konstituierten Mitgliedern und Vertretungen in 45 von insgesamt 47 Präfekturen. An zweiter Stelle steht das Syndikat der Inagawa-kai mit 3700 Mitgliedern und Vertretungen in 19 Präfekturen, und an dritter Position der Sumiyoshi-kai mit zwar immerhin 5000 Mitgliedern, deren Einflussbereich sich lediglich auf 17 Präfekturen erstreckt.

Die Struktur aller Yakuza-Organisationen ist stark patriarchalisch geprägt. Der oyabun (ritueller Vater, Yakuza-Boss[xxvii]) nimmt in dieser Struktur die Rolle des Patrons gegenüber seinen Untergebenen – den kobun (Gefolgsmann; durch Aufnahmeritual besiegelter Status [= bun] als »Kind« [=ko] eines Yakuza-Bosses) bzw. auch kyōdaibun (männliche Geschwister) –ein, und erhält als Gegenleistung für dessen Patronage deren Folgsamkeit. Für diekobun bzw. kyōdaibun gilt dieses System reziprok. Sie erhalten für ihre Gehorsamkeit den Schutz des oyabun. Je nach der Struktur der kriminellen Vereinigung variieren die Bezeichnung für den Vorsitzenden zwischen kanbukumichōsōchō oder eben oyabun. Für die verschiedenen Ebenen der Untergebenen gibt es ebenfalls unterschiedliche Bezeichnungen: wakaishū (Nachwuchskraft), wakagashira (»Junges Haupt«, Titel bei der Yakuza für einen Unterboss) oder auch aniki (»älterer Bruder«, Anrede unter Yakuza für den direkt Vorgesetzten oder »Dienstälteren«). Ein weiteres Merkmal der Yakuza-Syndikate sind deren Wappen. Sie waren früher das Aushängeschild und ein Machtsymbol der Yakuza. Ein Erkennungszeichen, an dem AKW-Arbeiter, die nicht in Kontakt zur Yakuza stehen, definitiv erkennen können, ob Kollegen Yakuza-Angehörige sind, sind, sofern man sie zu Gesicht bekommt, deren farbenfrohe und machtdemonstrierende (Ganzkörper)-Tätowierungen.

Dass die Yakuza ein gesellschaftliches "Übel" ist, wie Suzuki schreibt, das seit einiger Zeit von staatlicher Seite bekämpft und zurückgedrängt wird, zeigt zum einen das Gesetz über die Beseitigung von Straftaten durch Mitglieder krimineller Vereinigungen(bōryoku dan'in ni yoru futō na kōi no bōshi-tō ni kan suru hōritsu) aus dem Jahr 1991 und auch die Existenz des landesweit agierenden National Center for the Elimination of Bōryokudan (Zenkoku bōryoku tsuihō undō suishin sentā). Das genaue Vorgehen der Präfekturen und Gemeinden im Kampf gegen die Yakuza ist jedoch in der Verordnung der Beseitigung von kriminellen Vereinigungen(bōryokudan haijo jōrei) geregelt, die seit Oktober 2011 nach langem Prozess in allen 47 Präfekturen rechtskräftig ist.

Zum Buch

Suzukis Zugang zum Feld der AKW-Arbeit eröffnet nun erstmals Antworten auf Fragen, die vorher zwar gestellt wurden und auf die es auch einige Vermutungen als Antworten gab, doch erst mit durch die  Zustände in der Ruine von 1F gelangten Strukturen an das Licht der Öffentlichkeit, die ein Wegsehen unmöglich machten. Ohne die Lektüre des Buches obsolet zu machen, sollen hier jedoch eine kurze Einführung in das Buch gegeben werden[xxviii].

Bereits im Prolog taucht Suzuki tief in die Materie ein und zeigt anhand von eigenen Erlebnissen, wie die Yakuza in den ländlichen Gegenden mit der dortigen Bevölkerung verwoben ist. Gleichzeitig verweist er bereits auf Strukturen, die es den kriminellen Vereinigungen ermöglichten, sich ein Geschäftsfeld wie das der Atomenergie zu eröffnen, und was sie sich davon erhofften. Grundlage für das weitere Verständnis des Buches – vor allem für nicht-japanische Leser – ist der Kampf des Staates gegen die Yakuza, und die Frage, mit welchen Mitteln Ersterer versucht, gegen Letztere vorzugehen. Im ersten Kapitel beschreibt Suzuki dann seine Beweggründe und die Ergebnisse der ersten Recherche aus der Zeit zwischen den Kernschmelzen und seinem tatsächlichen Arbeitsbeginn am 13. Juli 2011. Fragen, wie die nach der Höhe des Tageslohnes, des passenden Arbeitsortes, nach der Rolle der Medien und welche Strahlenmessinstrumente die richtigen seien, beschäftigen ihn und führen ihn letztlich bis ins in Tōkyō gelegene NIRS – das Nationalen Institut für Radiologie (Hōshasen igaku sōgō kenkyūsho). Der Titel des zweiten Kapitels deutet bereits an, dass Suzuki zwar ein in Japan anerkannter Yakuza-Spezialist ist, sich aber mit dem Thema Radioaktivität bisher nicht auseinandergesetzt hatte. Durch seine Erkundigungen im NIRS bestärkt, geht er der Frage nach, welche Möglichkeiten der medizinischen Prävention für den Fall einer späteren Erkrankung getroffen werden können.

Im dritten Kapitel behandelt Suzuki eine der Kernfragen. Ihn beschäftigt, auf welchen Wegen die meist ungelernten bzw. niedrigqualifizierten Arbeiter an einen Job im AKW gelangen. Als Yakuza-Journalist öffnen sich Suzuki Türen stets durch Bekanntschaften aus seinem weitgespannten Kontaktnetzwerk. Die zufällige Bekanntschaft mit einem gewissen Herrn Satō macht deutlich, wie er – und so viele andere auch – letztlich eine Stelle im AKW fand, wie er untergebracht wurde, und welche Rolle seine Arbeit als unqualifizierte Arbeitskraft spielte. Erste Hinweise auf die oben bereits erwähnten „Fukushima 50“ finden sich schon in diesem Kapitel, werden aber im nachfolgenden Kapitel noch deutlicher herausgearbeitet. Zentral – und in den japanischen Medien damals auch ausgiebig diskutiert - ist hier die Frage, ob unter den „Fukushima 50“ auch Mitglieder der organisierten Kriminalität waren oder nicht. Zudem liefert Suzuki einen detaillierten Einblick in den Prozess, den er, wie alle anderen Arbeiter auch, vor seinem eigentlichen Dienstantritt durchlief. Dazu gehören die Beschreibung der Sicherheitslehrgänge sowie der obligatorische Gesundheitscheck. Gleichzeitig beschreibt er seine von ihm selbst getroffenen Vorbereitungen: wie z.B. den Kauf von eigenen Strahlenmessgeräten mit denen er die tatsächliche externe Kontamination der Arbeiter ermessen will.

Welche Auswirkungen die harte Arbeit im AKW auf den Körper Suzukis hat und wie er damit umgeht, ist Thema des fünften Kapitels. Darüber hinaus zeigt er, welche Bedeutung die sogenannten "Umgebungsrecherchen" – also Nachforschungen außerhalb der eigentlichen Kernarbeitszeit im Lebensumfeld der AKW-Arbeiter – für seine Arbeit haben. Kurz angedeutet werden in diesem Kapitel die Schwierigkeiten der Zusammenarbeit von ausländischen Technikern und Ingenieuren mit japanischen Kollegen, und auch, welchen Tätigkeiten Suzuki innerhalb seines Arbeitstrupps konkret nachging. Zum Schluss des Kapitels kommt er auf das Ende seiner Tätigkeit als AKW-Arbeiter und seine Enttarnung zu sprechen.

Abschließend kehrt Suzuki wieder an den Anfang seiner Recherchen zurück. Er reflektiert sein Vorgehen, fragt nach den Ergebnissen, Erkenntnissen und letztlich nach dem Erfolg seiner monatelangen Arbeit. Die Frage nach der Rolle der Yakuza im Nordosten Japans, der Hinweis auf die Wichtigkeit in der Unterscheidung zwischen Strahlendosis und Kontaminationsgrad, und ein kurzer Blick auf die Folgen der Erdbeben- und Tsunamikatastrophe auf das nur wenige Kilometer südlich von 1F gelegene AKW Fukushima Daini (2F) runden seine Recherchen ab. Auf dieser Grundlage bezieht Suzuki deutlich Stellung zur unheimlichen Verwobenheit zwischen der omnipräsenten Yakuza und der Atomenergiewirtschaft.

Zum Schluss

Suzuki Tomohiko dringt mit seinen Recherchen tief in die Abgründe der Arbeiterbeschaffungssysteme innerhalb der Subunternehmensstruktur ein. Seine Erkenntnisse verifizieren einerseits bereits durch andere Zugänge Offengelegtes, liefern aber gleichzeitig Einblicke in eine Welt, die bisher meist stets im Verborgenen geblieben war. Mangels öffentlichen, wissenschaftlichen aber auch journalistischen Interesses vor der großen Erdbebenkatastrophe von Ost-Japan blieb die Frage nach der Rolle der Yakuza im AKW-Gewerbe lange unbearbeitet. Umso wichtiger sind die zusammengefassten Rechercheergebnisse Suzukis, um zu verstehen, auf wessen Schultern die Arbeit in den AKW lastet, und welche Rolle die Yakuza im Geflecht des sogenannten Atomdorfs (genshiryoku mura) spielt. Wurde die Akteure dieses Macht- und Interessenkonglomerats der friedlichen Nutzung der Atomenergie bisher stets mit Politikern, Bürokraten, Wissenschaftlern, der Energiewirtschaft, den AKW-Herstellern, den Medienunternehmen und den Standortkommunen angegeben, so ist spätestens mit den Erkenntnissen von Suzuki die Yakuza als ein weiterer wichtiger Akteur hinzuzunehmen. Suzukis Buch ist somit ein weiterer Mosaikstein der hilft herauszufinden, welche Bedeutung dem Atomdorf beim AKW-Bau und der Wartung zukommt, und der verstehen lässt, dass dieses interdependente Gefüge in naher Zukunft höchstwahrscheinlich nicht an Macht einbüßen wird.

Glossar zum Buch

Literatur

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[i] Zur Bedeutung dieser Rede für die Einführung der Atomenergie in Japan siehe Gengenbach et al. (2013).

[ii] Dokument vom 30. Juli 2012: http://www.tepco.co.jp/en/nu/fukushima-np/roadmap/images/t120730_01-e.pdf [Stand: 20. Dezember 2016] (Japanisch)

[iii] Korrekterweise müsste nicht von einer Dreifachkatastrophe sondern mindestens von einer Vierfachkatastrophe gesprochen werden. Zusätzlich zu Erdbeben, Tsunami und dem Super-Gau müsste auch die Evakuierungsmaßnahme und der innerhalb Japans bis dato historisch ungesehene hunderttausendfache Heimatverlust als Katastrophe mit einbezogen werden.

[iv] Hier wird bewusst die männliche Form gewählt. Für Frauen gelten im Grunde dieselben Regeln, nur ist der Bemessenszeitraum nicht ein Jahr, sondern die Höchstgrenze ist im Dreimonatstakt auf jeweils maximal 5 mSv festgesetzt.

[v] Die Arbeiter selbst sprechen meist von . Dieses Wort ist eine unhöfliche Form für essen oder speisen und bedeutet folglich eigentlich fressen.

[vi] Darüber hinaus gibt es eine maximale Lebensdosis von 1 Sievert.

[vii] Englischsprachige Version der Rede von Noda Yoshihiko: http://japan.kantei.go.jp/noda/statement/201112/16kaiken_e.html [Stand: 20. Dezember 2016].

[viii] Ähnliche Beschreibungen finden sich auch bei Wallraff (1985) für das Beispiel der Bundesrepublik oder auch bei Thébaud-Mony (2011), die die Gegebenheiten in Frankreich beschreibt.

[ix] Nasubi veröffentlichte nach der Katastrophe einige Erfahrungen aus seinen Erfahrungen in der Gewerkschaftsarbeit mit (ehemaligen) AKW-Arbeitern (Nasubi 2012, 2013, 2016).

[x] 2013 gingen die beiden Tōkyō Kōgyō und TEPCO Environmental Engineering in der Firma Tōkyō Power Technology auf.

[xi] Im September 2011 waren es 27 Direktvertragsnehmer und circa 500 Subunternehmen. Vier Jahre später waren es schon 40 Direktvertragsnehmer und circa 1500 Subunternehmen Kainuma (2016: 165ff.).

[xii] Im Falle von Leiharbeit hat die entleihende Firma die Weisungsbefugnis über den Arbeitnehmer, wohingegen bei der Werkvertragsarbeit diese Befugnis nicht auf die entleihende Firma übergeht, sondern bei der verleihenden Firma verbleibt. Lukrativ ist die Ausnutzung dieser Vertragskonstruktion dahingehend, als das Werkvertragsnehmer oftmals weniger als Leiharbeiter verdienen.

[xiii] Hinzu kommen noch die Dekontaminationsarbeiter. Ihre Zahl belief sich laut Radiation Effect Association (2016) allein im Jahr 2016 auf ca. 25.000.

[xiv] Sie wurde von Horie in Zusammenarbeit mit ehemaligen Schülern auf Grundlage von Daten erstellt, die die Nuclear Safety Commission of Japan (Genshiryoku Anzen Iinkai) und die Atomic Energy Commission (Genshiryoku Iinkai) veröffentlicht haben.

[xv] Näheres in Telschig/Schölzel (2013).

[xvi] Wichtigstes Beispiel dafür ist die Mitteljapanische Regionalvertretung der Japanischen Energieproduktions-gewerkschaft (Nihon denki sangyō rōdō kumiai chūgoku chihō honbu). Neben der Unterstützung der vom ehemaligen AKW-Arbeiter Saitō Seiji gegründeten ersten Gewerkschaft Genpatsu Bunkai für AKW-Subunternehmensarbeiter Anfang der 1980er Jahre, die nach nur wenigen Monaten wieder aufgelöst wurde, nachdem Saitō teils massiv von der Yakuza bedroht worden war seine Arbeit einzustellen, setzte sich diese Gewerkschaft für die Belange der AKW-Arbeiter ein. Näheres zu dieser Gewerkschaftsgeschichte bei Gogatsusha Henshūbu (1982). Für einen großen Überblick über die Haltungen der Gewerkschaften zur Atomenergie siehe Honda (2012) und Suzuki (2016).

[xvii] Siehe: http://www.nuclear-free.com/deu/higuchi.htm [Stand: 20. Dezember 2016].

[xviii] Siehe: http://www.cnic.jp/english/newsletter/pdffiles/nit86.pdf (S.14) [Stand: 20. Dezember 2016].

[xix] Vgl. http://paffblog.blogspot.de/ [Stand: 20. Dezember 2016].

[xx] Eine Übersetzung dieses Vortrages ist einsehbar auf: http://www.textinitiative-fukushima.de/pages/projekte/japanologie-leipzig/akw--gegner-und-befuerworter/vortrag-von-higuchi-kenji.php [Stand: 20. Dezember 2016]. Zusätzlich soll hier erwähnt sein, dass wohl eher von 70 denn von 50 Arbeitern auszugehen ist. Eindrucksvolle Belege dafür liefert der Dokumentarfilm Nihon to Genpatsu (AKW und Japan)  der beiden Anwälte Kaidō Yūichi und Kawai Hiroyuki (2014).

[xxi] Überarbeitete Fassungen dieser Texte erscheinen dann nach der Katastrophe auch auf Englisch (Takaki (2012), Takaki (2014)).

[xxii] Diese Region wird auch genpatsu ginza (AKW-Ginza) genannt – in Anspielung auf das bekannte Einkaufsviertel Ginza in Tōkyō, in dem sich ein hellerleuchtetes Einkaufsparadies an das andere reiht. Auch entlang der Küste der Wakasa-Bucht im Westen Japans reihen sich mehrere AKW wie Perlen auf einer Kette aneinander und produzieren den Strom für die Region Kansai mit den Metropolen Ōsaka, Kyōto und Kōbe.

[xxiii] Beispielhaft dafür sind folgende zwei Werke: Genshiryoku hatsudensho de hataraku hitobito (Atomkraftwerksarbeiter) von Kondō Shunsuke ((1998)) – Ingenieur und ehemaliger Vorsitzender der Atomic Energy Comission des Kabinettbüros, sowie der Manga Takashi-kunchi no genpatsu mondai (Die AKW-Frage in der Familie von Takashi) von Hagiwara Shōhei und Inamaru Maruo (1992 [1991]).

[xxiv] Tatsächlich sind die turnusmäßigen Abschaltungen für Wartungs- und Instandsetzungsarbeiten gesetzlich alle 13 Monate vorgeschrieben.

[xxv] http://www.npa.go.jp/sosikihanzai/bouryokudan/boutai18/h24_jousei.pdf [Stand: 20. Dezember 2016] (Japanisch). Obwohl selbstverständlich aktuellere Zahlen vorliegen, wurden hier jene Zahlen aus der Zeit herangezogen, in der Suzukis Buch handelt.

[xxvi] Bōryokudan (wörtlich: gewalttätige Vereinigung) lautet die offizielle Bezeichnung für die Yakuza-Syndikate.

[xxvii] Die Übersetzungen dieser Begriffe sowie viele weitere Eindrücke und Hintergrundkenntnisse folgen dem herausragenden Yakuza-Buch von Wolfgang Herbert (2002): Japan nach Sonnenuntergang: Unter Gangstern, Illegalen und Tagelöhnern. Berlin. Reimer. In einem jüngst erschienen Aufsatz geht Herbert jenen dramatischen Veränderungen in der Yakuza-Welt nach, die auch Suzuki im sechsten Kapitel seiner Reportage schildert (Herbert (2016); Fußnote 8 auf S. 280 kündigt das demnächst ebenfalls bei Reimer erscheinende neue Buch an, das Herbert gemeinsam mit Dirk Dabrunz verfasst hat: Japans Unterwelt. Reisen in das Reich der Yakuza).

[xxviii] Im Anhang dieses Textes findet sich ein kurzes Glossar für den deutschen Leser des Buches und ist als Hinzugabe zum Buch zu verstehen.

[xxix] Paragraph 1, Artikel 3 des 1991 erlassenen Gesetz über die Beseitigung von Straftaten durch Mitglieder krimineller Vereinigungen (http://www.houko.com/00/01/H03/077.HTM [Stand: 20. Dezember 2016] (Japanisch))

[xxx] http://www.tepco.co.jp/cc/press/betu11_j/images/110702b.pdf [Stand: 20. Dezember 2016] (Japanisch)      

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